Drei Tage Messe, gut 200 Redner, über 500 Aussteller. Unter dem Motto „Für die Zukunft unserer Apotheken" kamen nahezu 27.000 Fachbesucherinnen und -besucher nach München.
Wir von KRP waren vor Ort, in Vorträgen, am Rand des Deutschen Apothekertags und vor allem in Gesprächen über Ertragsdruck, Finanzierung und Nachfolge mit Experten der Branche, Inhabern und Apothekenteams.
Unser Eindruck nach drei Messetagen: Die Branche hat 2026 mehr Möglichkeiten als in den Jahren zuvor. Und sie hat gleichzeitig ein Liquiditätsproblem, das durch diese Möglichkeiten nicht kleiner wird. Beides gehört zusammen, wenn man ehrlich über die wirtschaftliche Lage von Apotheken spricht.
Die Ausgangslage bleibt angespannt
Ende Juni 2026 gab es in Deutschland 16.488 Apotheken, dabei
standen 143 Schließungen im ersten Halbjahr 30 Neueröffnungen gegenüber.
Das Fixum ist zum 1. Juli von 8,35 auf 9 Euro gestiegen, zum 1. Januar 2027
folgt der Schritt auf 9,50 Euro. Ein Signal nach 13 Jahren Stillstand. Der
Apothekenklima-Index zeigt aber überwiegend Skepsis: 39,4 Prozent halten die
Erhöhung ohne Dynamisierung für wertlos.
Das Apothekengesetz war das beherrschende Thema
Die Stimmung war positiv: Neben der Kritik an der Reform ging als vor allem auch um die Frage, was sich daraus machen lässt.
Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) öffnet das Leistungsspektrum deutlich. Apotheken dürfen künftig mit allen Totimpfstoffen impfen, Schnelltests anbieten, nach ärztlicher Schulung venöse Blutentnahmen zu diagnostischen Zwecken durchführen und neue pharmazeutische Dienstleistungen zur Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes erbringen. Die Impfung selbst kann delegiert werden: an PTA, Pharmazeuten im Praktikum sowie Pharmazieingenieure, jeweils nach ärztlicher Schulung und unter Aufsicht der Apothekenleitung. Seit Juli kommt die assistierte Telemedizin hinzu, im ersten Jahr mit 30 Euro vergütet.
Viel diskutiert wurde die PTA-Vertretung: Erfahrene PTA dürfen die Apothekenleitung künftig an maximal 20 Tagen im Jahr vertreten, mit behördlicher Genehmigung und nur im ländlichen Raum, angelegt als fünfjährige Erprobung. Die Standesvertretung hat das bis zuletzt abgelehnt. In einzelnen Gesprächen war die Haltung pragmatischer, gerade bei Betrieben, die Öffnungszeiten überhaupt absichern müssen.
Wichtig für die Planung: Vieles startet nicht sofort. Die neuen Angebote greifen erst, wenn Qualitätsstandards, Schulungskonzepte und Vergütungsregelungen stehen. Die Zeit bis dahin ist Vorbereitungszeit für Räume, Abläufe und Qualifikation.
Der eigentliche Engpass sitzt im Team
Der interessanteste Teil unserer Gespräche drehte sich nicht um Paragrafen, sondern um Menschen. Neue Leistungen stehen im Gesetz, erbracht werden sie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ohnehin unter Druck arbeiten. Mehrfach kam deshalb die Frage auf, wie man Teams dafür gewinnt, diese Aufgaben anzupacken, statt sie als Mehrbelastung zu erleben.
Das überzeugendste Argument war ein fachliches: Apothekenteams sind kein Verkaufspersonal, sondern medizinisches Fachpersonal. Genau darin liegt der Unterschied zu Drogeriemärkten und Plattformanbietern, die inzwischen ebenfalls Arzneimittel vertreiben. Wer impft, testet und berät, macht diesen Unterschied sichtbar.
Das ist auch wirtschaftlich mehr als Berufspolitik. Wo Hausarztsitze wegfallen, bleibt die Apotheke vielerorts der einzige wohnortnahe medizinische Dienstleister. Betriebe, die Prävention und Impfangebote früh aufbauen, besetzen diese Position. Und zwar mit Leistungen, die vergütet werden und nicht über den Packungspreis laufen.
Versandhandel: viel Bewegung, wenig Verbindliches
Der Versandhandel war das dominierende Konfliktthema. Auf dem Apothekertag wurden mehrere Anträge angenommen, die ihn einhegen sollen, vom grundsätzlichen Rx-Versandverbot bis zur wirksamen Unterbindung von Bonus- und Rabattmodellen ausländischer Versender.
Zur Einordnung: Das sind Forderungen an den Gesetzgeber, keine geltende Rechtslage. Dasselbe gilt für Medizinalcannabis. Der Regierungsentwurf sieht vor, den Versandweg auszuschließen und die Abgabe an die persönliche Beratung in der Apotheke zu binden. Beschlossen ist davon bislang nichts, das Verfahren liegt weiter im Gesundheitsausschuss. Für Vor-Ort-Apotheken mit Cannabis-Sortiment wäre die Regelung eine Chance. Planen lässt sich damit derzeit nicht.
Der Dämpfer: Warum die Skonto-Freigabe vielen nicht hilft
Am deutlichsten wurde die Lücke zwischen Gesetzeslage und Betriebsrealität beim Skonto.
Nach dem BGH-Urteil vom 8. Februar 2024 waren Preisnachlässe auf Rx-Arzneimittel nur noch innerhalb des variablen Großhandelszuschlags von 3,15 Prozent zulässig. Die Reform hebt diese Deckelung für Skonti auf: Handelsübliche Skonti sollen künftig auch dann erlaubt sein, wenn der Preis dadurch unter den Mindestpreis aus Herstellerabgabepreis, Großhandels-Festzuschlag und Umsatzsteuer fällt. Gesamtkonditionen jenseits der 3,15 Prozent werden damit wieder möglich. Die zugrunde liegende Verordnung ist von beiden zuständigen Ministerien unterzeichnet; die Verkündung im Bundesgesetzblatt, mit der sie in Kraft tritt, stand bei Redaktionsschluss unmittelbar bevor. Bundesgesundheitsminister Linnemann stellte den Delegierten in München in Aussicht, schon in der Folgewoche mit den Großhändlern über Skonti verhandeln zu können.
Der Haken steckt in der Bedingung. Erlaubt sind ausschließlich Skonti als Gegenleistung für eine vor Fälligkeit geleistete Zahlung. Nachlässe bei vertragsgemäßer Zahlung, also „unechte Skonti", bleiben unzulässig.
Damit ist der Vorteil an Liquidität gekoppelt. Wer früher zahlen kann, bekommt bessere Konditionen. Wer jeden Zahlungsspielraum bereits ausreizt, bekommt sie nicht, und das sind genau die Betriebe, die Entlastung am dringendsten bräuchten. Hinzu kommt eine Erwartung, die uns in mehreren Gesprächen begegnet ist: dass Konditionen künftig noch stärker an der Betriebsgröße hängen. Belegen lässt sich das noch nicht, weil die Angebote des Großhandels erst nach und nach kommen. Als Planungsannahme sollte man es trotzdem ernst nehmen.
Unser Fazit nach drei Tagen Messe
Die Apothekenreform schafft reale Chancen, vor allem für Betriebe, die investieren können: in Räume, in Qualifikation, in Prozesse, und die genug Liquidität haben, um sich bessere Einkaufskonditionen überhaupt leisten zu können.
Genau hier entsteht die eigentliche Spreizung im Markt. Nicht zwischen guter und schlechter Pharmazie, sondern zwischen Apotheken mit und ohne finanziellen Handlungsspielraum. Wer heute im Kontokorrent lebt, kann die neuen Möglichkeiten fachlich wollen und wirtschaftlich trotzdem nicht ergreifen.
Unser Rat nach drei Tagen München: Wer Ertragsdruck spürt, sollte jetzt rechnen – Liquiditätsplanung, Einkaufskonditionen, Finanzierungsstruktur, Nachfolgeperspektive. Nicht erst, wenn die Zahlen kippen. Eine wirtschaftliche Schieflage lässt sich umso besser bearbeiten, je früher sie erkannt wird.
Wir begleiten Apotheken bei genau diesen Fragen. Von der wirtschaftlichen Analyse über die Restrukturierung bis zur Eigenverwaltung. Wenn Sie über Ihre Situation sprechen möchten, kommen Sie gern auf uns zu.
